Viele Menschen trinken spät noch etwas Koffeinhaltiges und schlafen trotzdem problemlos ein. Neue Forschung legt nun nahe: Selbst, wenn wir ausreichend schlafen, könnte unser Gehirn weniger gut zur Ruhe kommen. Kaffee, schwarzer Tee oder Energy-Drinks gehören für viele Menschen zum Alltag. Das enthaltene Koffein steigert die Konzentration und hilft gegen Müdigkeit. Doch der Preis dafür könnte höher sein als bislang gedacht. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Übersichtsarbeit von Forschern der Universität Stettin in Polen . Die Wissenschaftler werteten 32 Studien aus, die zwischen 1980 und 2026 erschienen sind. Dabei interessierten sie sich nicht nur dafür, wie lange Menschen schlafen oder wie häufig sie nachts aufwachen. Denn Studien, die dies untersuchten, zeigten oft einen nicht so starken Effekt von Koffein auf den individue ll wahrgenommenen Schlaf . Stattdessen untersuchten sie die elektrische Aktivität des Gehirns während des Schlafs mittels Elektroenzephalogramm (EEG). Die Ergebnisse veröffentlichte das Forschungsteam im Fachjournal "Nutrients". Das Gehirn bleibt nachts aktiver Die Analyse der Daten zeigt ein klares Muster: Koffein verändert die Hirnaktivität während des Schlafs. Besonders betroffen sind die langsamen Hirnwellen im Tiefschlaf. Die Forscher fanden in vielen Studien weniger sogenannte Delta-Wellen. Dabei handelt es sich um langsame elektrische Signale, die typisch für tiefen und erholsamen Schlaf sind. Gleichzeitig nahm die Aktivität schneller Hirnwellen zu. Diese treten normalerweise eher im Wachzustand auf. Dadurch entsteht laut den Autoren ein Schlafprofil, das zwar äußerlich normal wirkt, bei dem das Gehirn jedoch in einem aktiveren Zustand bleibt. Der Tiefschlaf gilt als die wichtigste Erholungsphase der Nacht. In dieser Zeit entspannt sich die Muskulatur, der Herzschlag verlangsamt sich und Körper sowie Gehirn regenerieren sich. Gleichzeitig verarbeitet das Gehirn Informationen des Tages und festigt Erinnerungen. Warnsignale ernst nehmen: Die Ursachen für häufiges nächtliches Aufwachen In der Lebensmitte wichtig: Wer so schläft, schädigt Herz und Hirn Warum Koffein diesen Effekt hat Die Ursache liegt wahrscheinlich in einem körpereigenen Botenstoff namens Adenosin. Dieser Stoff sammelt sich im Laufe des Tages im Gehirn an und sorgt dafür, dass wir zunehmend müde werden. Experten sprechen dabei vom sogenannten Schlafdruck. Koffein blockiert die Andockstellen für Adenosin im Gehirn. Die Müdigkeit wird dadurch vorübergehend unterdrückt. Wir fühlen uns wacher und leistungsfähiger. Die neue Analyse deutet darauf hin, dass dieser Effekt nicht mit dem Einschlafen endet. Vielmehr scheint Koffein die natürliche Erholung des Gehirns auch während der Nacht zu beeinflussen. Nach Ansicht der Forscher schwächt es die Prozesse ab, die normalerweise den Schlaf vertiefen und die Regeneration fördern. Besonders deutlich zeigte sich dies laut Analyse im ersten Drittel der Nacht. Gerade dann fällt normalerweise der meiste Tiefschlaf an. Auch nach Schlafmangel, wenn der Körper eigentlich besonders intensiv regenerieren sollte, verringerte Koffein die typischen Erholungssignale im Gehirn. Nicht nur das Herz leidet: Was Schlafmangel mit dem Körper macht Altes Sprichwort: Schlaf ist die beste Medizin – stimmt das? Der nicht an der Studie beteiligte Schlafmediziner Michael Feld erklärt in der "Bild", dass Adenosin eng mit Müdigkeit und Schlafregulation verbunden ist. Vor diesem Hintergrund sei es plausibel, dass Koffein den Tiefschlaf beeinflusst und das Gehirn in einem wacheren, aktiveren Zustand bleibe. Schlafdauer allein sagt offenbar wenig aus Ein weiteres Ergebnis der Übersichtsarbeit: Klassische Schlafmessungen, die nicht mit einer sogenannten EEG-Spektralanalyse arbeiten, erfassen die Auswirkungen von Koffein auf das Gehirn und den Schlaf wahrscheinlich nur unzureichend. Und auch wie schnell man einschläft oder wie viele Stunden man im Bett verbringt, sagt nicht immer etwas aus. Die ausgewerteten Studien zeigen, dass die Schlafdauer oft nahezu unverändert blieb, während sich die Hirnaktivität deutlich veränderte. Die Forscher sprechen deshalb von einer Art "verborgener Schlafstörung". Das Gehirn könne Anzeichen einer geringeren Erholung zeigen, obwohl Betroffene ihren Schlaf als normal empfinden. Nicht jeder reagiert gleich Die Studie zeigt aber auch, dass die Wirkung von Koffein stark von der jeweiligen Person abhängt. Entscheidend sind unter anderem die konsumierte Menge, der Zeitpunkt des Konsums, das Alter und die genetische Veranlagung. Manche Menschen bauen Koffein schneller ab als andere. Auch bestimmte genetische Varianten beeinflussen offenbar, wie empfindlich das Gehirn auf Koffein reagiert. Das könnte erklären, warum einige Menschen selbst nach einem späten Espresso problemlos schlafen, während andere bereits nach einer Tasse Kaffee am Nachmittag schlechter schlafen. Zudem weisen die Autoren auf einige Einschränkungen der Analyse hin. Viele der ausgewerteten Studien umfassten nur kleine Teilnehmergruppen. Auch untersuchten die meisten Arbeiten vor allem gesunde junge Erwachsene. Ob die Ergebnisse in gleichem Maße für ältere Menschen, Frauen oder Personen mit Schlafstörungen gelten, müssen weitere Studien zeigen.